Aktueller IPBES-Bericht: The Impact and Dependence of Business on Biodiversity and Nature’s Contributions to People
Biodiversität ist kein Nischenthema, sondern ein wirtschaftliches Fundament
Im Februar 2026 hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES seinen bisher umfassendsten Bericht zum Verhältnis von Wirtschaft und Biodiversität veröffentlicht. Die Botschaft ist unmissverständlich: Alle Unternehmen aller Branchen hängen von Biodiversität und den Leistungen der Natur ab – sei es durch Rohstoffe, durch die Regulierung von Umweltbedingungen wie Wasserkreisläufe und Erosionsschutz, oder durch nicht-materielle Beiträge wie Erholung und kulturelle Werte. Gleichzeitig wirken alle Unternehmen auf Biodiversität ein, direkt oder über ihre Wertschöpfungsketten. Diese doppelte Beziehung – Abhängigkeit und Einfluss – macht Biodiversität zu einem strategisch relevanten Geschäftsthema.
Biodiversitätsverlust erzeugt systemische Risiken für die Wirtschaft
Die Zahlen sind ernüchternd: Während die Weltwirtschaft seit 1820 auf über 130 Billionen Dollar gewachsen ist, hat sich der globale Bestand an Naturkapital um rund 40 Prozent verringert. 14 von 18 Kategorien von Ökosystemleistungen zeigen rückläufige Trends.
Damit gehen auch grosse wirtschaftliche Risiken einher. Diese sind entweder physischer Natur (z.B. Ernteausfälle), transitorischer Art (neue Regulierung, veränderte Märkte) oder systemisch (makroökonomische Schocks, Instabilität des Finanzsystems). Diese Risiken können sich gegenseitig verstärken.
Der Bericht betont aber auch die Chancen: Allein aus nachhaltiger Landbewirtschaftung könnten bis 2050 Geschäftsmöglichkeiten von bis zu 737 Milliarden Dollar entstehen. Unternehmen, die Biodiversitätsrisiken managen und naturbasierte Lösungen entwickeln, können Kosten senken, Resilienz erhöhen und neue Märkte erschliessen.
Wertschöpfungsketten im Fokus
Besonders relevant für KMU: Biodiversitätsrisiken verteilen sich über die gesamte Wertschöpfungskette. Auch Unternehmen ohne direkt offensichtlichen Naturbezug – etwa im Detailhandel oder in der Gastronomie – sind über ihre Lieferketten eng mit der Biodiversität verbunden. Der Bericht empfiehlt deshalb, Lieferketten systematisch zu analysieren, die Rückverfolgbarkeit von Materialien und Rohstoffen zu verbessern und Zulieferer mit einzubeziehen.
Jetzt handeln – mit bestehenden Mitteln
Die Methoden zur Messung von biodiversitätsbezogenen Auswirkungen und Abhängigkeiten existieren bereits, werden aber noch kaum genutzt. Unternehmen müssen dabei nicht auf perfekte Messmethoden warten, um aktiv zu werden, sondern können schon heute auf eine Reihe von Tools zurückgreifen. Es existieren verschiedene Instrumente für die jeweiligen Entscheidungsebenen – von standortbezogenen Beobachtungen für das operative Geschäft bis hin zu Lebenszyklusanalysen für die Wertschöpfungskette. Das Problem liegt also weniger beim Mangel von Methoden als in deren geringer Verbreitung: Weniger als ein Prozent der börsennotierten Unternehmen berichten über ihre Biodiversitätsauswirkungen.
Konkret empfiehlt der Bericht Unternehmen, auf vier Ebenen anzusetzen: auf Unternehmensebene ambitionierte Biodiversitätsziele in die Strategie integrieren; im operativen Geschäft die Minderungshierarchie anwenden – also Schäden zuerst vermeiden, dann minimieren, dann wiederherstellen; in der Wertschöpfungskette Transparenz und Zusammenarbeit mit Lieferanten stärken; und auf Portfolioebene Investitionen an Biodiversitätszielen ausrichten.
Die aktuellen Rahmenbedingungen belohnen naturschädigendes Wirtschaften
Umweltschädliche Subventionen, fehlende Internalisierung von Umweltkosten und der Druck auf kurzfristige Quartalsergebnisse schaffen falsche Anreize, die den Biodiversitätsverlust beschleunigen, statt ihn aufzuhalten. Der Bericht beziffert die globalen Finanzflüsse mit direkten negativen Auswirkungen auf Natur und Biodiversität auf 7,3 Billionen Dollar jährlich – demgegenüber stehen lediglich 220 Milliarden Dollar für Erhaltung und nachhaltige Nutzung von Ökosystemen.
Der Bericht argumentiert weiterhin, dass die heute herrschenden Rahmenbedingungen es Unternehmen oft nicht leicht machen, biodiversitätsfreundlich zu wirtschaften – weil Nachhaltigkeit und Profitabilität noch zu oft im Widerspruch zueinander stehen. Statt gebetsmühlenartig die Vereinbarkeit von ökologischer Nachhaltigkeit und ökonomischer Rentabilität zu betonen, braucht es konkrete Veränderungen in den Bereichen Regulierung, Wirtschafts- und Finanzsysteme, gesellschaftliche Leitbilder, Technologie sowie in kollektiven Wissensbeständen.
Transformativer Wandel erfordert kollaboratives Handeln aller Akteur:innen.
Kein einzelnes Unternehmen kann die nötigen Rahmenbedingungen alleine schaffen. Es braucht ein Zusammenspiel von Regierungen, Finanzakteur:innen, Unternehmen, der Zivilgesellschaft sowie lokalen Gemeinschaften, um die Bedingungen, unter denen nachhaltiges Wirtschaften auch profitabel und für Unternehmen attraktiv ist.
Was heisst das für die Schweiz?
Die Schweiz hat mit dem Aktionsplan Biodiversität 2025–2030 einen Rahmen geschaffen, doch die Lücken sind beträchtlich: Die Biodiversitätsinitiative wurde 2024 abgelehnt, spezifische Offenlegungspflichten für Unternehmen fehlen, und von über 160 identifizierten naturschädigenden Subventionen werden bislang nur wenige reformiert. EU-Regulierungen wie die CSRD oder CSDDD werden aber in Zukunft zunehmend auf Schweizer Unternehmen durchschlagen. Für Schweizer Unternehmen, die in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind, hat das weitreichende Konsequenzen. Der IPBES-Bericht macht deutlich: Unternehmen, die auf regulatorischen Druck warten, verlieren wertvolle Zeit. Wer hingegen jetzt beginnt, seine Abhängigkeiten und Auswirkungen zu verstehen, verschafft sich einen klaren Vorsprung.
Fazit
Unter den heutigen Bedingungen führt das, was für Unternehmen profitabel ist, häufig zu Biodiversitätsverlust – und was gut für Biodiversität und Gesellschaft wäre, ist oft nicht rentabel. Dieser Widerspruch lässt sich nur durch die Schaffung eines geeigneten Umfelds auflösen, in dem profitable Geschäftstätigkeit und positive Biodiversitätsergebnisse zusammenfallen. Dafür braucht es gleichzeitige Veränderungen in Politik und Regulierung, im Wirtschafts- und Finanzsystem, bei gesellschaftlichen Werten, in Technologie und Datenverfügbarkeit sowie beim Aufbau von Wissen und Kapazitäten. Unternehmen und Finanzinstitutionen können dabei selbst zu positiven Akteuren des Wandels werden – wenn sie informiert, motiviert und durch die richtigen Rahmenbedingungen dazu befähigt werden.