Suffizienz als Designprinzip in der Entwicklung von nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen
Die Geschichte der Nachhaltigkeitsstrategien zeigt: Effizienz und Konsistenz alleine können nicht zu einer absoluten Reduktion von Ressourcenverbrauch führen. Als unerlässliche komplementäre Strategie gilt deshalb die Suffizienz, welche auf individueller Ebene praktiziert werden sollte. Doch ist diese individuelle Umsetzung durch breite Bevölkerungsgruppen realistisch in der herrschenden konsumorientierten Kultur? Und wie können Unternehmen dazu beitragen, dass im Mainstream suffiziente Lebensstile etabliert werden, ohne selbst eine Umsatzeinbusse hinzunehmen?
Unternehmen als Wegbereiter:innen für suffiziente Lebensstile
Die Designprinzipien und Geschäftsmodelle der Kreislaufwirtschaft bieten für die Produktentwicklung ideale Vorlagen für Angebote, welche durch Reparatur, Wiederverkauf, Erneuerung oder gemeinsame Nutzung von Objekten, Fahrzeugen oder Räumen den Ressourcenverbrauch minimieren.
Die damit verbundenen Lebensstile sind aber oft aufwendiger, risikoreicher oder weniger glamourös als herkömmliche Konsum- und Verhaltensmuster. Genau an diesen wirtschaftlichen, psychischen und kulturellen Hürden sollte die Produktentwicklung ansetzen und für die Design-Challenge die richtigen Fragen ableiten.
Hürden adressieren und reduzieren
Fragen Sie sich: Wie könnten wir mit unseren Angeboten “Pains” adressieren, um ein suffizientes Leben einfacher, bequemer und attraktiver zu machen? Wie wird es lustvoll trotz materieller Reduktion? Wie erhöhen wir die Benutzerfreundlichkeit bei gemeinsam genutzten Gegenständen? Wie können wir die Reparatur, die gemeinsame Nutzung oder den Wiederverkauf vereinfachen und normalisieren? Nutzen Sie dazu Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie wie den “Default Bias” (Nudging) oder den “IKEA-Effekt”, nach welchem Menschen etwas Selbstgebautem mehr Sorge tragen.
Mehrwert bieten durch Orientierung an immateriellen Nutzen
Setzen Sie mit der Methodik des “Design Thinking” den Kundennutzen ins Zentrum der Suche. Gehen Sie dabei aber nicht von materiellen Bedürfnissen aus, sondern fragen Sie sich, wie Sie die Lebensqualität ihrer Kund:innen ohne materiellen Konsum erhöhen können. Orientieren Sie sich dabei an tiefer liegenden psychologischen Grundbedürfnissen: Wie können unsere Angebote die Bedürfnisse nach persönlichem Wachstum, Sinnhaftigkeit oder sozialer Zugehörigkeit befriedigen? Wie schaffen sie mehr Freundschaften? Wie können unsere Kunden ihren sozialen Status oder ihre Persönlichkeit präsentieren - ohne Objekte? Wie schaffen wir mehr Fokus dank weniger Auswahl? Weniger Stress dank weniger Besitz?
Radikal denken aber Befürchtungen integrieren
Die Entwicklung von suffizienzorientierten Angeboten kann bewährte Geschäftsmodelle sowie etablierte Funktionen im Unternehmen auf disruptive Art infrage stellen. Entsprechende Befürchtungen von Mitarbeitenden sollten ernst genommen werden, sonst werden Prozesse blockiert. Arbeiten Sie deshalb mit langfristigen und ergebnisoffenen Prozessen und testen Sie unverbindliche Experimente.
Einfluss nehmen auf Kultur und Politik
Durch die Produktkommunikation und das Marketing mit passenden Rollenmodellen können Sie ein alternatives Verständnis von Lebensqualität für breite Zielgruppen greifbar und attraktiv machen. Damit wirken Sie auf die soziokulturelle und politische Ebene der Gesellschaft ein und begünstigen dadurch ein suffizienzorientiertes wirtschaftliches Klima.
Unternehmen können von diesen Strategien profitieren: Sie erhöhen ihre Resilienz durch eine geringere Abhängigkeit von volatilen internationalen Lieferketten und von Wachstum. Und sie stärken langfristige Beziehung zu Mitarbeitenden und Kunden durch die Schaffung von Mehrwert jenseits materieller Werte.
Weiterführende Literatur
- Die Entwicklung suffzienzfördernder Angebote, Peter Haberstich, 2024
- Wirtschaft neu denken - Suffizienzstrategien für zukunftsfähige Unternehmen, One Planet Lab, 2026
- The Circular Behavior Toolkit, Danish Design Center
- “Suffizienz unterstützen“ als Geschäftsmodell, Kirsch, T. & Steinmeier, F. (2021)
- Circular Ecosystem Patterns, Takacs, F., Stechow, R. & Frankenberger, K, (2020
- Circularity Desk, Konietzko, Bocken und Hultink (2020)
- Framework for sufficiency governance and interventions, Bocken und Short (2020)