Wieviel Heimat braucht ein Unternehmen?
Unter dem Titel „Wieviel Heimat braucht ein Unternehmen?“ widmete sich das Forum ö, die ÖBU Jahrestagung vom 27. und 28. April 2006, dem Thema Standort und Nachhaltigkeit als Komponenten der Wettbewerbsfähigkeit. Werner Bätzing, Kulturgeograph, André Hoffmann, Verwaltungsrat von Roche, und Eva Jaisli, CEO von PB Baumann referierten in Basel zum Themenkreis Heimat und Unternehmen und diskutieren mit den rund hundert anwesenden UnternehmerInnen.
Grenzen verlieren insbesondere in der Wirtschaft ihre Bedeutung. Nichts desto trotz prägt der Standort ansässige Unternehmen durch Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal, Verkehrsanbindung oder kulturelles Umfeld. Umgekehrt prägen Unternehmen ihre Region – im Sinne von ökonomischem Wohlstand, Verkehrsaufkommen und Arbeitsplätzen. Für Giatgen-Peder Fontana, den Präsidenten der ÖBU, ist ein entscheidender Faktor der Wettbewerbsfähigkeit die Art und Weise, wie Unternehmen in lokale, soziale und ökonomische Strukturen eingebettet sind.
Was bedeutet der Standort für einen Global Player, was für ein KMU? Welche Verantwortlichkeiten haben UnternehmerInnen am Standort? was leisten sie für ihre Gemeinde, den Staat? Was bieten Regionen „ihren“ Unternehmen? Die Basler Regierungspräsidentin Barbara Schneider kehrte in ihrer Begrüssungsrede die Frage um: „Wieviel Unternehmen braucht die Heimat? Wenn eine Heimat Heimat sein soll, dann braucht sie Unternehmen, die der Bevölkerung ein Auskommen bieten, Unternehmen, die einen Beitrag – im Falle Basels – an die Stadtentwicklung leisten, die mit Innovationen die Voraussetzungen schaffen, dass die Lebensqualität erhalten bleibt.“
Der bekannte Autor von „Die Alpen“ und „Entgrenzte Welten“, Kulturgeograf Werner Bätzing bot in seinen Ausführungen einen Abriss über die Entwicklung der Beziehung von „Heimat und Unternehmen“. Im Verlauf dieser Entwicklung ändert sich gemäss Bätzing der Bezug der Wirtschaft zur Heimat: a) Im vormodernen Europa spielte die Region die Rolle der Heimat, b) In der Moderne (Industriegesellschaft) trat der Staat an die Stelle der Region, c) In der Postmoderne (Dienstleistungsgesellschaft) tritt die global vernetzte Welt an die Stelle des Staates – der Bezug zum konkreten Raum wird immer schwächer.
Eine unternehmerische Neuorientierung hat sich in den letzten 10 Jahren z.B. im Bereich „Regionalprodukte“ herausgebildet, die nach herkömmlicher Wirtschaftstheorie einen „Rückschritt“ und einen „Anachronismus“ darstellen, die aber (gleichwertig zum wirtschaftlichen Erfolg) von den Faktoren räumliche Nähe, Vertrauen, Verantwortung getragen werden, so dass hier „Heimat“ eine konstitutive Rolle im Wirtschaftsprozess spielt.
Es würde jedoch zu kurz greifen, Verantwortung für Heimat nur bei regionalen Unternehmen anzusetzen, meint Bätzing. Auch international/global tätige Unternehmen hätten daran ein doppeltes Interesse: Dauerhaft erfolgreich Wirtschaften kann man nur in einer friedlichen und stabilen Welt. Ein wirtschaftliches Handeln, das sich allein an wirtschaftlichen Zielen (Selbstzweck) orientiert, reduziert den handelnden Menschen zu einer Art betriebswirtschaftlichem Roboter, während die Wirtschaft wiederum an einer lebendigen Multifunktionalität des Menschen interessiert ist.
André Hoffmann, Verwaltungsrat von Roche, betonte in seinem Referat die „überaus lange und insgesamt auch sehr erfolgreiche Tradition von Roche als global tätiges Unternehmen“. Bereits vier Jahre nach der Gründung vor 110 Jahren war Roche mit eigenen Gesellschaften in Italien, Deutschland und England vertreten. 1905 wurde die amerikanische Tochtergesellschaft gegründet. Treffe Roche heute einen Standortentscheid, etwa für den Bau einer neuen Produktionsanlage oder eines Forschungszentrums, geschehe dies nach rein sachlichen Kriterien. Dass gerade in den letzten drei Jahren wichtige Investitionsentscheide zugunsten von Basel ausgefallen seien, spreche eindeutig für die Konkurrenzfähigkeit dieses Standorts im internationalen Vergleich. „Ein Unternehmen“, gab sich Hoffmann jedoch überzeugt, „braucht eine Heimat – in einer globalisierten Welt noch mehr als dies früher schon notwendig war. Ein Unternehmen muss, wenn es heute und in Zukunft Erfolg haben will, sich seiner Vergangenheit, seiner Geschichte bewusst sein, zu dieser Geschichte stehen. Geschichte und Heimat – diese beiden Begriffe gehören zusammen, sowohl bei Menschen als auch bei Firmen.“ Obschon der Schweizer Markt für Roche „zwar wichtig, aber prozentual betrachtet doch nur im tiefen einstelligen Bereich, liegt“ ist Hoffmann zuversichtlich dass es der Region und der Schweiz gelingen wird, auch künftig „jene Voraussetzungen zu schaffen, die es braucht, damit Basel die Heimat von Roche und anderer global tätiger Unternehmen ist und bleibt.“
PB Baumann produziert im Emmental die Schraubenzieher mit dem roten Griff, seit Jahrzehnten ein Exportschlager. „Wir sind erfolgreich, weil wir das Zusammenspiel von wichtigen Faktoren der lokalen Ökonomie berücksichtigen und als Voraussetzung für eine nachhaltige gesellschaftspolitische Entwicklung anerkennen“, meint Eva Jaisli, CEO des bedeutenden KMUs. Sie sieht das Schweizer Markenprodukt mit einer 100 Prozent Fertigungstiefe „swiss made“ als eines der wichtigsten Qualitäts- und Differenzierungsmerkmale und verweist auf das hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis ihrer Werkzeuge, gerade im internationalen Vergleich. Dabei schaffe die heimatliche Kultur die Voraussetzung für Innovation, so dass hochwertige Produkte und Dienstleistungen entstehen können. Frau Jaisli ist in ihrem Unternehmen bestrebt, nach innen und aussen ein offenes und positives Klima zu schaffen und das Zusammenspiel von Mitarbeitenden, Auftraggebenden und Kunden zu fördern. Dies gelingt ihr gerade in „dieser so unvergleichlich schönen Umgebung im Emmental“. Im Gegenzug „können 40 Prozent unserer Mitarbeitenden durch den sicheren Arbeitsplatz Ihren Landwirtschaftsbetrieb weiter führen. Wir garantieren 10 Ausbildungs- und 120 Arbeitsplätze mit Entwicklungsmöglichkeiten in einer Randregion.“
Den zweiten Tag leitete Wirtschaftswissenschafter Christoph Koellreuter, Gründer und Direktor der BAK Basel Economics, mit seinen Ausführungen über metrobasel ein. Die Wachstumsbranche Life Sciences, bestehend aus Pharma, Agro, Medizinaltechnik und den in diesen Bereichen spezialisierten Forschungs- und Entwicklungsunternehmen – vor allem aus dem Bereich der Gen- und Biotechnologie – prägt den Wirtschaftsraum Basel immer mehr. Jede Wirtschaftsregion muss sich in der globalisierten Weltwirtschaft auf den für sie relevanten Zielmärkten positionieren. Mit diesem Ziel hat BAK Basel Economics gemeinsam mit rund 20 Partnern den Brand „metrobasel“ und entsprechende Projekte ins Leben gerufen.
Anschliessend hatten die anwesenden UnternehmerInnen die Gelegenheit, die Bedeutung der Heimat für ihr Unternehmen in Workshops mit und bei ansässigen Firmen zu diskutieren. Mit dem FC Basel 1893 (Das baslerischste Unternehmen mit seinen „Global Players“ – was ist sein Beitrag an die Nachhaltigkeit?), mit Roche (Globaler Markt, globale Forschung und Produktion – wie wichtig ist die Basler Heimat?), mit Straumann (Vom ländlichen Waldenburg in die Stadt Basel umgezogen – welche Rolle spielte die Nachhaltigkeit beim Standortentscheid?) und mit Endress+Hauser (Erfolg auf den internationalen Wachstumsmärkten, Innovation und Öffnung – und nachhaltige Arbeitsplätze auch in der Regio?)
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...von der Öbu
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